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Charlie Chans Welt – 1931

Wie war die Welt zu Zeiten der alten Serie? Splitter einer fernen Zeit …

+++ Einweihung des Empire State Building +++ Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau stirbt +++ Gangsterboß Al Capone wird wegen Steuerhinterziehung zu elf Jahren Gefängnis verurteilt +++ Spanien wird Republik +++ Japan besetzt die chinesische Region Mandschurei +++

Warner Oland war bei Fox gesetzt wenn es darum ging, asiatische Schurkenrollen zu besetzten. Keine Frage, wer in den ersten Fu-Manchu-Streifen der Tonfilmzeit den absoluten Bösewicht spielte. So geschehen in „The Mysterious Dr. Fu Manchu“ (1929) und „The Return of Dr. Fu Manchu“ (1930) sowie im selben Jahr – als Cameo – in „Paramount on Parade“.

Charlie Chan carries on PosterDoch dann kam 1931 und die Verfilmung des im Vorjahr erschienenen Buches „Charlie Chan macht weiter“. Schnell schloß sich „Der Tod ist ein schwarzes Kamel“ an. Warner Oland spielte Charlie Chan, die Verkörperung des aufrechten Chinesen, der für Gesetz und Ordnung sorgt. Gewiss stand er noch einmal als Fu Manchu vor der Kamera, neben Myrna Loy in „Daughter of the Dragon“, gewiss gab er auch künftig noch den Schuft, etwa als rachsüchtiger Dr. Boris Karlov in „The Drums of Jeopardy“, gewiss …

Als Ende 1931 „Charlie Chan’s Chance“ produziert wurde, war es jedoch unvorstellbar geworden, dass man mit Warner Oland noch einmal das personifizierte Böse assozieren würde. Kein Problem: Als Charlie Chan verdiente er gut und seine Popularität stieg in ungeahnte Höhen. Für den nächsten Fu Manchu Film fand sich ein nicht Unbekannter als Ersatz: Boris Karloff, soeben als „Frankenstein“ berühmt gworden.

Kino/Kultur 1931:

  • »Lichter der Großstadt« von Charles Chaplin
  • »Frankenstein« mit Boris Karloff
  • »Dracula« mit Béla Lugosi
  • »Mata Hari« mit Greta Garbo
  • »Der Malteser Falke« – 1. Verfilmung des Dashiell Hammett-Buches vom Vorjahr; mit Ricardo Cortez – siehe Charlie Chan in Rio
  • »Entehrt« mit Marlene Dietrich und Warner Oland
  • »Die Marx Brothers auf See« (Monkey Business)
  • »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« von Fritz Lang mit Peter Lorre
  • »Der Zinker« – Erster deutscher Edgar-Wallace-Tonfilm
  • »Fünf falsche Fährten« (Five Red Herrings) von Dorothy L. Sayers
  • »Die gute Erde« (The Good Earth) von Pearl S. Buck

Sekundärliteratur: »In Manors and Alleys«

Jon Tuskas Buch »In Manors and Alleys« von 1988 ist ein Megaschinken von 450 fast bildbefreiten Seiten mit 9 Kapiteln. Abgehandelt wird im Handbuch des amerikanischen Detektivfilms (so der Untertitel) praktisch alles, was man an prominenten Namen aus Detektiv- und Krimikreisen kennt.

Jon Tuska - In Manors and AlleysKlar, dass Charlie Chan dort vergleichsweise wenig Platz einnimmt, aber immerhin haben die »Oriental Detectives« (auch Mr. Moto und Wong) ein eigenes Kapitel von 36 Seiten. Das erscheint jetzt nicht so viel, aber es hängt eben immer von der Menge an Informationen zusammen, die der Autor jeweils sammeln konnte. Der dünne Mann kommt auf 43 Seiten (in denen es hauptsächlich um Autor Hammet geht) und Holmes – obwohl unbestritten »der Größte« – kommt gerade auf 40.

Da Tuska einer der Ersten war, der aus Recherchen und Interviews solche Werke zusammenstellte (u.a. auch über Western-Filme), ist vieles davon mittlerweile über zahllose andere Bücher und Webseiten verteilt. Haben die sich an jener Quelle bedient oder es anderweitig recherchiert? Die meisten Chan-Filme sind wenigstens in einem Satz erwähnt, von »Charlie Chan in Ägypten« kann sich der Autor im Gegensatz zu vielen späten Chans kaum losreißen und liefert viele Zusatzinformation.

Mal ein Blick zur Konkurrenz, etwa Agatha Christie: Man erfährt vielerlei Kleinigkeiten aus der guten alten Zeit, so dass Charles Laughton einst Hercule Poirot auf der Bühne spielte, Basil »Sherlock« Rathbone schon in einer ALIBI-Verfilmung dabei war oder das »Mörder Ahoi!« zwar als vierter Marple-Film produziert, damals aber vor dem Dritten rausgegeben wurde.

Jon Tuska: »In Manors and Alleys«, Verlag: Greenwood Press
Dicht gepackt. Viele Lesestunden garantiert. Chan-Fans, die auch anderen Ermittlern gern zuschauen, sind hier richtig.

alias Tommy Chan: Benson Fong

Charlie Chan in the Secret Service DVDBENSON FONG erblickte am 10. Oktober 1916 in Sacramento das Licht der Welt. Sein Vater starb schon Anfang der 30er Jahre. Fong verließ die High School und ging für 5 Jahre zum Studieren nach China, wo er auf der Bühne stand, Tenor sang und in einer Jazz-Band spielte.

The chinese Cat - Lobby card 2Nach seiner Rückkehr nach Sacramento eröffnete Fong mit Verwandten einen Gemüseladen, verdiente sich aber als Kleindarsteller etwas dazu, so in »Charlie Chan in der Oper«.

1943, beim Dinner mit Freunden, fragte ihn ein Talentscout von Paramount, ob er nicht Lust hätte in Sprechrollen aufzutreten. Während des Krieges waren asiatische Schauspieler stark gesucht. Fong erhielt ein Vertragsangebot, dass er nicht ablehenn konnte. Er radelte von einem Set zum nächsten, spielte einen Japaner hier, einen Filipino da und Andertags einen Chinesen.

The Chinese Cat - LobbycardDark Alibi - Lobbycard1944 klopfte Monogram an, um Fong als Tommy Chan zu verpflichten. Im selben Jahr freundete er sich mit Gregory Peck an, der die Idee hatte, gemeinsam ein Asiatisches Restaurant zu eröffnen. Es blieb erst einmal eine Idee. Doch zu dieser Zeit traf Fong auf seine spätere Frau. Er wollte heiraten aber brauchte ein berechenbares Einkommen. Er begann zu sparen, entschlossen ein Restaurant mit eigenem Kapital zu eröffnen. 2 Jahre später eröffnete Fong mit 11000 Dollars das »Ah Fong‘s« an der Vine Street in Hollywood. Eine Hochzeit wurde gefeiert und die Ehe hatte über die Jahre fünf Kinder.

The Scarlet Clue - Poster 3Fong spielte zwar weiterhin kleine Rollen, so etwa in »Ein toller Käfer« (The love Bug, 1968) und »Kung Fu« (1972), doch das »Ah Fong‘s« erwies sich als außerordentlich beliebt. Bis 1971 folgten weitere Restaurants und Fong verbrachte seine Freizeit lieber beim Golf oder reiste durch Asien. Bis 1985 verkleinerte sich das Unternehmen nach und nach und Fong verabschiedete sich in Rente.
Am 1. August 1987 erlag Fong einem Schlaganfall. Wenn man ihn zu Lebzeiten fragte, erklärte er schlicht, einfach nur ein glücklicher Mann gewesen zu sein.

Die neuen Abenteuer: Das zweite Quartett …

Barry und Charlie Chan - New-AdventuresSchauen wir auf das zweite Quartett der Serie. Nur die fünfte Episode wurde noch in den USA gedreht, danach siedelte die Produktion nach England über.
Sogleich geht es auf den Kontinent, wo Charlie sich nun öfter sehen lässt. Beim ersten Besuch ist Sohn Barry noch nicht dabei, aber ansonsten nun öfter.

N5 – Die großen Salvos
Ein als Gedankenleser auftretendes Geschwisterpaar jubelt Charlie gestohlene Pläne für Düsentriebwerke von Kampfflugzeugen unter, die der nach Europa „schmuggeln“ sollte. Keine Verdächtigen aber das Licht geht mal wieder aus.

The death of a don - New-AdventuresN6 – Die Falschmünzer
Druckplatten für französische Banknoten werden in London gestohlen und Charlie von seinem Freund Inspektor Duff inoffiziell geben den Fall zu übernehmen. Die Spur führt nach Paris, wo ehemalige Restistance-Kämpfer die Sache regeln.

N7 – Don ist tot
Barrys Studientkollege gerät in einen bösen Streit mit seinem Professor, der wenig später tot aufgefunden wird. Involviert ist auch eine Musiktheatertruppe in der des toten Ex-Frau tanzt.

N8 – Charlies Highland-Fall
Charlie und Barry machen Urlaub in Schottland, wo eine Frau in ihrem Wagen erschossen wird. Vom Butler bis zum Stiefsohn gibt es einige Verdächtige …

Charlie Chan oder Mr. Moto und der Wettbetrug

Imr motos gamblem Januar 1938 schien in den Fox Studios alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Die Produktion von »Charlie Chan am Boxring« stand an und würde im Frühsommer gutes Geld einspielen. Nebenher würde man auch Mr. Moto Filme drehen, zwei standen vor der Veröffentlichung.

Es kam anders: Charlie Chan-Darsteller Warner Oland, tief im Alkoholsumpf und von seiner Frau vor die Tür gesetzt, erlitt einen Nervenzusammenbruch; Drehen unmöglich. Die Produzenten gaben ihrem Star einige freie Tage, zogen andere Szenen vor, doch beide Seiten zerstritten sich. Schließlich wurden die Dreharbeiten eingestellt und die Kosten wären an Oland hängen geblieben.

MCharlie Chan in Monte Carlo - DVDan einigte sich dann doch noch: Die gedrehten Szenen sollten zu einem Mr. Moto-Film umgearbeitet werden, in dem Keye Luke als Lee Chan einen Gastauftritt hinlegte. Oland bekam ein halbes Jahr Erholungsurlaub und dann wollte man gemeinsam wieder Charlie Chan drehen. Im August war wieder alles bereit für den Dreh, doch dann starb Oland unerwartet und »Charlie Chan in Monte Carlo« blieb sein letzter Auftritt.

Derweil war Mr. Moto (Peter Lorre) als Kriminalist unterwegs. Eine gänzlich ungewohnte Rolle für den Spion, dem es egal war, ob er eine Lizenz zum töten hatte oder nicht. In »Mr. Moto und der Wettbetrug« gibt er ein Seminar, an dem Lee Chan teilnimmt und bei dem er einen Mord am Boxring lösen muss. Mr Moto Film PhileDer Film kam sogar noch vor »Mr. Moto und der Dschungelprinz« heraus, der bereits 1937 gedreht aber zurückgehalten worden war.

Spuren von Gift auf Boxhandschuhen und ein fieses Wettsyndikat sind die Ingredenzien des unausgewogenen »Mr. Moto und der Wettbetrug«, was sich durch die Entstehungsgeschichte erklären lässt. Lee Chan und ein Komillitone, der Ex-Boxer „Knockout“ Wellington, »helfen« in gewohnter Manier den Fall zu klären. Für Chan-Fans schöne Reminiszenzen, für Moto-Fans eher weniger Vergnügen.

 

Krimi-Mai

Da der Wonnemonat Mai mit schlechtem Wetter zu starten droht, gibt es gemütliche Krimikost am Sonntag, 3. Mai:
Auf SWR läuft ab 23 Uhr „Sherlock Holmes und das Halsband des Todes„, beim BR zur selben Zeit „Geheimnis im blauen Schloss“ nach Agatha Christie – oft verfilmt, u.a. als „Ein Unbekannter rechnet ab“.

3sat bringt ab Freitag 8. Mai einige Male „Citizen Kane“ (23:15).
Der SWR zeigt Fritz Langs „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ am 10.5., wieder sonntags ab 23 Uhr.

Charlie Chan und das große Titel-Recycling

City in Darkness - Poster 2Irgendwann im Laufe der Serie fiel es weg, das „Charlie Chan in …“ im Titel.
Irgendwann gab es genügend Konkurrenz-Serien, von denen man sich titelmäßig abheben musste.
Irgendwann erklärten Marketingfachleute, wie man einen spannenden Titel zu erfinden hatte.

Manches Studio war recht findig darin, Titel zu verwenden, die bis heute immer wieder mal recycled wurden. Fox schaffte es mit dem Charlie-Chan-Film „Stadt in Dunkelheit“, also „City in Darkness„, 1939, nicht ganz. Es gab zwar 1950 bereits wieder ein „Stadt im Dunkel“ (Orig. Dark City), dessen Originaltitel 1998 wieder für einen Kinofilm verwendet wurde aber erst 2010 gab es immerhin einen mit Namen „City of Darkness“. Allerdings ist das ein alter Hut, „The City of Darkness“ gab es schon 1914.

Black Magic - OriginaltitleWeit erfolgreicher war Monogram. Etwa mit „Schwarze Magie“, alias „Black Magic“ von 1944. Als der Titel „Black Magic“ 1949 für einen Orson Welles-Streifen gewählt wurde (dt. Graf Cagliostro), benannte man den Charlie Chan-Film „Black Magic“ kurzerhand um in „Meeting at Midnight“.

The Red Dragon“ von 1945, bei uns als „Charlie Chan in Mexiko“ bekannt, wurde 1965 als Englischer Titel für die bundesdeutsche Produktion „Das Geheimnis der drei Dschunken“ gewählt. Viel bekannter ist natürlich das gleichnamige Buch rund um den „Schweigen der Lämmer“-Hannibal. Das Buch wurde 1986 schon verfilmt und 2002 erneut als Red Dragon („Roter Drache“ – also nix mit Mexiko :-).

The golden Eye - Poster1Auch „Das goldene Auge“, der Charlie-Chan-Film von 1948, ist bekannter unter seinem Originaltitel „Golden Eye„. Da gab es 1989 die so benannte Verfilmung einer Ian Fleming-Biograpie, der bekanntlich James Bond, 007, erfand. Und der Brosnan-Bond von 1995 hieß denn auch wieder „Golden Eye“.

The Feathered Serpent“ gab es als Kinofilm schon anno 1934, hier war der ebenso benannte Charlie Chan-Film von 1948 (Der Himmelsdrache) also später dran. 1976 gab es aber noch eine kurzlebige TV-Serie gleichen Titels.
Dangerous Money“ wurde 1924 mit William Powell gedreht. Denselben Titel gab es 1946 für „Charlie Chan – Gefährliches Geld“.
Der Titel „The Trap“ (Charlie Chan: Die Falle) von 1946 wurde wieder verwendet für einen Richard Widmark-Film von 1959 (Die Falle von Tula) .

Poster The TrapCharlie Chan ist nicht die einzige Show deren Titel wieder verwendet wurden. „Fast and Furious“ war man nicht erst 2001, da gab es schon schwarz-weiße Filme – natürlich mit anderem Inhalt. Manche Titel klingen nur ähnlich, weil der Originaltitel so genial war (und man vielleicht von der Verwechslung profitieren wollte?). Etwa bei Sherlock Holmes „Die Kralle“ (1944), dessen Originaltitel „The Scarlet Claw“ von Charlie Chans „The scarlet Clue“ (1945 – Die blutige Spur) abgewandelt wurde.

Dead men tell“ (Charlie Chan auf dem Schatzsucherschiff – 1941), wurde natürlich auch schon oft verwendet, allerdings in der kompletten Form „Dead Men Tell No Tales“ (z.B. 1914, 39, 71). Und er wird wiederkommen, voraussichtlich mit „Pirates of the Caribbean 5: Dead Men Tell No Tales“ (2017).
Viele Titel sind einfach zu gut, um sie nicht wieder zu verwenden. Nur der Charakter, dieser Detektiv mit seiner Familie, der wartet schon lange auf ein angemessenes Recycling …